Und auf einmal ist es Herbst…


Und auf einmal ist es Herbst…

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Es ist Herbst geworden in Pescosansonesco – einem kleinen Dorf mitten in den italienischen Abruzzen und ein neuer Tag bricht an.

Noch erkennt man nur die schwarzen Umrisse des Maiella vor einem fast kitschig anmutenden in blau und rot getränkten Himmel kurz vor dem Sonnenaufgang.

Es riecht nach Kaffee und der Fernseher mit den wichtigsten Nachrichten, aber vor allem der aktuellen Wetterlage, läuft bereits in dem umgebauten Stall von Romeo und Gerda.

Dort verbringen sie die warmen Tage im Frühjahr, Sommer und Frühherbst, wenn es viel im Garten zu pflanzen, ernten und auf dem Land zu tun gibt und es in der Wohnung oben im Dorf einfach zu heiß ist, um auch nur einen Finger zu heben. Begleitet wird das deutsch-italienische Rentnerpaar, die Deutschland vor knapp 13 Jahren verlassen haben, um in das Heimatdorf von Romeo zurückzukehren, von ihren zwei zugelaufenen Hunden Chicco und Chicca. Jeder hat seinen eigenen Hund sagt Romeo immer.

Während die zwei am Frühstückstisch sitzen und der top gestylten Fernsehsprecherin lauschen, tunken sie ihre Biscotti in den frischaufgebrühten Kaffe und bereiten sich mental auf die kommenden anstrengenden Tage vor.

Die Olivenernte hat begonnen und es sollen noch einige Vorbereitungen getroffen werden.

So müssen die 22 Olivenbäume von dem über das Jahr hochgewachsene Gras sowie von den kraftraubenden Trieben an den Baumwurzeln befreit werden, damit die Olivennetze am nächsten Tag problemlos unter den Bäumen ausgebreitet werden können.

Mittlerweile steht die Sonne hoch am Himmel. Schweißperlen schimmern auf der Stirn und das wilde Land um die Bäume herum wird geduldig gezähmt bis das gemähte trockene Unkraut fast feierlich am späten Nachmittag verbrannt werden kann.

Wieder am Stall angekommen und nach einer kurzen Verschnaufpause bereiten die beiden alles für den nächsten Tag vor. Die Netze und die Jutesäcke für die Oliven müssen auf der Ladefläche von Rambo, dem kleinen ferrariroten Traktor verstaut, der Kompressor und die elektrischen Olivenkämme vorbereitet werden.

Gerda kümmert sich währenddessen um die Vorbereitung des leiblichen Wohls der morgigen Helfer (Familie und Freunde) in der Mittagspause:

Traditionell werden zur Olivenernte seit jeher Weißbrot mit Olivenöl, Sardinen und gebratener Paprika gereicht. Rotwein, Grappa und der abschließende Espresso (aus der Thermoskanne) dürfen dazu natürlich nicht fehlen. Auch wird ein großer Topf Tomatensugo auf dem Gasherd zubereitet damit am Ende des morgigen langen Tages niemand mehr lange in der Küche stehen und kochen muss. Organisation ist alles und die beherrscht Gerda aus dem Effeff!

Am nächsten Morgen wird nicht viel Zeit verloren: der obligatorische Biscotti bekommt sein Kaffebad bevor er in den Mund wandert und schon sitzen die beiden auch auf ihrem kleinen roten Traktor Richtung Olivenhain. Es verspricht ein sonniger und warmer Tag zu werden. Beste Voraussetzung für eine gelungene Olivenernte.

Und so werden die Netze unter den ersten Bäumen ausgebreitet. Es hat etwas romantisches, wie sie im Sonnenlicht langsam auf den Boden gleiten und darauf warten, die über das Jahr gereifte Frucht auffangen zu dürfen. Doch mit der Romantik ist es schnell vorbei als der ohrenbetäubende Kompressor für die elektrischen Olivenkämme einsetzt. Schutzbrillen und Kappen werden aufgesetzt, um sich vor den vom Baum fliegenden Olivengeschosse zu schützen.

Routiniert führt Romeo den langen Stab in die hohen Äste der Bäume und schüttelt die Oliven geduldig vom Baum. Eine einsame Arbeit, denn der Lärm lässt keine Möglichkeit sich in irgendeiner Weise zu unterhalten.

Sobald der Baum seine ganzen Früchte geopfert hat und sie alle sicher vom Netz aufgefangen wurden, kümmern sich die Frauen darum das überflüssige Blattgrün zu entfernen und die Früchte anschließend in die Jutesäcke zu füllen. Diese Zeit wird gerne als kleine Pause genutzt, um sich über alle Neuigkeiten im Dorf auszutauschen.

Die erste Hälfte ist geschafft und die Mittagspause wird eingeläutet. Gerda bedient sich der Ladefläche von Rambo als Tisch und breitet eine rotkarierte Tischdecke darauf aus. Das alte Campinggeschirr (aus dem allerersten Wohnmobil) wird neben den ganzen Leckereien aus dem Korb gezaubert und der Kompressor endlich ausgeschaltet.

Es wird angestoßen, genüsslich gegessen und gelacht. Der abschließende Grappa soll den zweiten Teil des Tages zumindest für eine kurze Zeit versüßen.

Irgendwann aber werden Arme und Beine schwer und man sehnt sich nur noch nach dem allerletzten Baum und danach alles zusammenzufalten und nachhause zu fahren. Endlich.

Als Romeo in seinen Traktor steigt, blickt er liebevoll aber auch ein wenig stolz auf seine 22 Olivenbäume, die ihn auch dieses Jahr nicht im Stich gelassen haben.

Die Olivenkanister werden noch am gleichen Tag vom restlichen ‚alten‘ Öl geleert und für das neue Öl, das am nächsten Tag in der Olivenmühle gepresst werden soll, gereinigt.

Doch bevor Gerda und Romeo am nächsten Tag zur Olivenmühle aufbrechen, muss noch ein allerletzter Baum, nämlich der im eigenen kleinen Garten, geerntet werden. Nach 22 Bäumen ein Klacks….

Der Termin in der Mühle ist erst am frühen Abend. Es bleibt also genügend Zeit die Netze von Ästen und Blattgrün zu befreien und den Schuppen wieder auf Vordermann zu bringen. Aber auch Zeit, um einfach mal im Stuhl zu sitzen und zufrieden auf die Berge zu schauen.

Es geht los. Die vielen Säcke werden behutsam durch die Serpentinen des Dorfes bis zur Mühle chauffiert. Dort wird der Inhalt in große Kisten umgefüllt, gewogen und anschießend gepresst.

377KG zeigt die Waage an. Romeo ist etwas enttäuscht aber es ist, wie es ist : ‚da kann man nichts machen‘.

Die Oliven wandern durch die einzelnen Etappen der Presse, um dann, nach zwei Stunden (Romeo und Gerda waren nicht die einzigen, die ihre Ernte gemacht haben) endlich als fertiges Öl in den Kanister zu fließen. Goldgrün schimmert es und füllt den Metallbehälter regelmäßig schnell. Am Ende des Tages dürfen Romeo und Gerda mit 60 Litern Olivenöl nachhause fahren. Genug Öl für den Eigenbedarf im kommenden Jahr. Die beiden sind sichtlich erschöpft aber gleichzeitig auch so erleichtert diese drei Tage hinter sich gebracht zu haben.

‚Morgen Gerda, morgen machen wir nichts‘, sagt Romeo und stößt mit einem Grappa auf ihre Olivenernte an.

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